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UNICEF-Report

Die hier verwendeten Informationen stammen hauptsächlich aus dem Ergebnis einer Studie "The Exodus. December 1998 - March 1999" von UNICEF, the United Nations Childrens Found und CAS, Catholic Action for Street children. Es war eine Studie mit dem Ziel, die Gründe aufzudecken, weshalb immer mehr und mehr Kinder aus den Landgebieten in die Städte fliehen. Die Untersuchung wurde während vier Monaten in Ghana durchgeführt. Den vollständigen UNICEF-Bericht in englischer Sprache können Sie hier als PDF-Dokument herunterladen

 

1. Ihr Leben

UNICEF schätzt, dass über 300 Millionen Kinder in der ganzen Welt auf der Strasse leben. Sie alle leben unter sehr schlechten Bedingungen, arbeiten viele Stunden im Tag und verrichten häufig sehr harte und schwere Arbeit, um ihr tägliches Brot zu verdienen. Sie essen einseitig und schlafen in unsauberen und lauten Umgebungen. Wenn sie krank werden, brauchen sie das wenige, was sie verdient haben, für billige Medikamente. Die Kinder auf der Strasse sind Missetaten und Gewalt der älteren ausgesetzt. Viele, vor allem Mädchen, fallen in Formen von Prostitution und wegen ihrer Unwissenheit und körperlichen Anfälligkeit haben sie ein grosses Risiko, durch Geschlechtsverkehr übertragene Krankheiten aufzulesen oder schwanger zu werden. Strassenkinder sehnen sich nach Liebe und Zuneigung und verhalten sich oft viel älter als sie eigentlich sind. In Ghana kann man das Phänomen der vielen Strassenkinder der Armut zuschreiben. Die meisten Gründe, die Kinder weg von Zuhause auf die Strasse treiben, stehen mit Armut und Unterentwicklung in Verbindung. Doch neben der Armut gibt es noch andere Gründe. Armut soll nicht dazu verwendet werden, das Ignorieren der Strassenkinder zu rechtfertigen. In der Zeitspanne von Dezember 1998 bis März 1999 hat UNICEF mehr als 15'000 Strassenkinder gezählt, die aus verschiedenen Dörfern nach Accra gekommen sind. Unterdessen ist die Zahl auf 20'000 angestiegen.

 

2. Gründe

2.1 Armut

2.1.1 Wirtschaftslage
Landwirtschaft

Kinder, die in ländlichen Gegenden aufgewachsen sind, haben von ihren Eltern mitbekommen, dass sich das bäuerliche Leben nicht auszahlt, auch wenn sie hart arbeiten. Bestenfalls wird es ihnen so viel einbringen, dass sie von der Hand ins Mund leben können, doch reich werden sie davon nicht werden. 1980 wurde das System der Freien Marktwirtschaft eingeführt, was grosse Preisschwankungen mit sich brachte. Die Preise zum Beispiel für Mais, das Hauptnahrungsmittel, fielen markant. Es verwundert nicht, dass viele Kinder das Bauernsein als ihre letzte Wahl betrachten. Sobald die Kinder spüren, dass ihre Eltern oder Angehörigen diesen Zukunftsplan für sie bestimmt haben, fliehen sie in die Städte.

Fischfang

Der Wunsch der Fischer ist gross, dass ihre Kinder in ihre Fussstapfen treten. Dadurch legen sie nicht grossen Wert auf Schulbildung. Am meisten betrifft die Problematik die Kinder in der Western Region.

Der Fischfang ist gebunden an gewisse Monate. Während der Regenzeit, von Mai bis Juli, gibt es praktisch nichts zu fischen. Dann verlasen viele Frauen und Männer die Dörfer und nehmen ihre Kinder mit, die oft nicht mehr zurückkommen oder nur zum Zweck, ihre Schwestern und Brüder abzuholen.

Industrie

Viele Investoren schrecken zurück vor der Tatsache, dass an manchen ländlichen Orten weder Elektrizität, fliessendes Wasser, Kommunikationsmittel, noch geschulte Arbeitskräfte vorhanden sind. Man findet in den Dörfern nur einen kleinen Markt mit Schneiderinnen. Coiffeusen, Mechaniker, Zimmerleute und anderen Handwerkern. Es gibt viel zu wenig Plätze, um eine Lehre zu machen für all die Jugendlichen, die darauf warten. Die Kleinindustrie, die vorhanden ist, stellt meistens Leute aus den Städten an. Wahrscheinlich liegt die Ursache in derer besseren Bildung. Diese Umstände veranlassen ebenfalls viele Kinder und Jugendliche, in die Städte zu fliehen.

2.1.2 Schulsystem, Erziehung

Die Erziehungsreform, die im letzten Jahrzehnt eingeführt wurde, brachte mit sich, dass viele neue Schulen gebaut wurden und viel mehr Kinder die Schule besuchen. Die ganze Schule hat auch einen höheren Standard erreicht. Zuerst versprachen die Regierung und die Politiker generell, dass die Schule von nun an kostenlos und obligatorisch sein werde, was aber in der Realität nicht so war. So verstehen bis heute viele Eltern nicht, warum sie Schulgeld, Bücher und Schreibutensilien für ihre Kinder selber aufbringen müssen. Die Regierung ist nur noch für einige "Textbooks" verantwortlich. Doch sogar an denen fehlt es an allen Ecken und Enden. So gibt es Schulen, in denen sich 50 Schülerinnen zehn entsprechende Bücher teilen müssen. Immer noch gibt es Erwachsene, die das Gewicht einer guten Schulbildung noch nicht erkannt haben und es als Unsinn ansehen, so viel Geld dafür auszugeben. Diejenigen Eltern, welche die Schulbildung als wichtig erachten, haben, wenn's gut geht, soviel Geld, dass sie zwei Kinder in die Schule schicken könnten, nicht aber vier oder fünf. Viele Lehrkräfte sind unausgebildet, mehrheitlich in den ländlichen Gebieten. Sie haben kein methodisch-didaktisches oder pädagogisches Wissen. Immer noch werden die Schülerinnen mit Schlägen unter Kontrolle gehalten. Viele Schulen haben weder Elektrizität, fliessendes Wasser, sanitäre Anlagen noch genügend Tische und Stühle. Eine Lehrkraft muss unter solchen Umständen eine Klasse mit bis zu 50 Kindern unterrichten, was wirklich nicht einfach ist! Die ausgebildeten Lehrkräfte bleiben oft in den Städten. Sie wollen nicht mehr zurück in die Dörfer. Dazu kommt, dass das Gehalt der Lehrkräfte sehr klein ist und sie oft Nebenjobs haben oder Zusatzstunden in den Ferien geben, um ihre Familien durchzubringen. Dadurch sind sie oft müde und ausgelaugt und haben keine Energie mehr, um geduldig und mit Freude zu unterrichten.

Das Schulsystem funktioniert so, dass ein Kind zuerst sechs Jahre Primar-, dann drei Jahre Oberstufe (JSS) und dann anschliessend nochmals drei Jahre College (SSS) zu absolvieren hat, bevor es die Universität besuchen könnte. Viele Kinder auf dem Land brechen ihre Schulkarriere bereits in der Primar ab. Einige schliessen die Oberstufe ab, doch fast niemand hat die Möglichkeit, ein College zu besuchen, was es sehr schwierig für sie macht, überhaupt einen richtigen Beruf zu erlernen. In vielen Dörfern haben die Lehrpersonen und die Eltern ein schlechtes Verhältnis zueinander, weil die erstgenannten oft von anderen Gegenden stammen und nicht dieselbe einheimische Sprache sprechen. So werden sie als Fremdlinge betrachtet und dementsprechend nicht ernstgenommen. Häufig müssen Kinder ihre Schulkarriere abbrechen, weil es zuhause an Geld fehlt.

2.2 Vernachlässigung, Scheidung, Tod der Eltern

Viele Politiker und Beamte glauben, dass das Phänomen der Strassenkinder damit zu tun hat, dass das ursprüngliche Familiensystem zusammenfällt. Wenn Eltern sich trennen oder scheiden, bleiben nur ein Drittel der Betroffenen in demselben Ort wie ihre Kinder, was die Kinder vom einen zum anderen reisst. Gross ist auch die Problematik der Vernachlässigung, der Unverantwortlichkeit und der Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber ihren Kindern. Einige Eltern sehen nicht einmal eine Notwenigkeit darin, sich um ihre Kinder zu kümmern: Gott wird sich um sie kümmern, ist ihre Lebenseinstellung!

2.3 Schläge, Gewalt, Sexuelle Misshandlung

Viele Kinder fliehen von zu Hause, weil sie sexuell misshandelt wurden oder andere Formen von Bestrafung, Schlägen und Gewalt erfahren haben. Gemäss der Studie von CAS, berichten drei Prozent aller Strassenkinder in Accra davon, das sie wegen sexuellen Übergriffen weggerannt seien. Andere drei Prozent erklären, dass sie wegen regelmässigem Schlagen Accra aufsuchten.

2.4 Andere

Es gibt neben den genannten Gründen noch andere individuelle Ursachen, weshalb ein Kind sein Zuhause, sein Dorf verlässt. Doch allen ist eines gemeinsam: Alle Kinder wurden in irgendeiner Weise verletzt und fühlten sich nicht mehr sicher und geliebt.

3 Verstärkende Faktoren

Ghanas ländliche Jugend hat eine kleine Wahlmöglichkeit. Entweder sie entscheiden sich für den Beruf des Fischers oder des Bauern in ihrem Dorf oder sie entscheiden sich, eine der Städte aufzusuchen. Die schlechte Schulbildung, die wenigen Berufsmöglichkeiten und all die unter Punkt 2 genannten Gründe erklären, weshalb Kinder von den Dörfern wegrennen, aber sie erklären nicht, warum deren Anzahl ständig grösser und grösser wird. Dazu einige weitere Gedanken.

3.1 Urbanisation

Höchst wahrscheinlich hängen das Phänomen der Strassenkinder mit der Urbanisation und dem Beginn einer Konsumgesellschaft zusammen.

3.2 Eltern

Die Vernachlässigung der Kinder durch ihre Eltern bringt die Kinder nicht nur dazu, ihre Schulkarriere frühzeitig abzubrechen; sie lernen dadurch auch, dass sie für ihr Leben selbst verantwortlich sind. Viele Kinder lernen sehr früh, dass sie für sich selber kämpfen und sich alleine durchbringen müssen. Viele Eltern machen direkt oder indirekt Druck, dass ihre Kinder das Dorf verlassen sollen.

3.3 Elektrizität

Die Elektrizität hat in den ländlichen Gegenden grosse Veränderungen gebracht und hat einen immensen Einfluss auf die Jugendlichen. In einigen Dörfern ist es ganz offensichtlich, dass seit Ankunft der Elektrizität die Anzahl der Kinder, die in die Städte zogen, grösser wurde. Mit der Elektrizität kam auch der Fernseher, und Fernseher öffnen die Augen der Menschen für die moderne Welt und sie denken, dass ihnen die Städte davon mehr bieten können. Genauso wie Ghanaer und Ghanaerinnen davon träumen, nach Europa zu reisen, wollen die Kinder die Stadt mit ihren eigenen Augen sehen.

3.4 Angehörige

Kinder, die Angehörige in den Städten haben, träumen viel häufiger davon, zu ihnen zu gehen, als solche, die niemanden kennen. Viele Eltern setzen ihre ganze Hoffnung auf die Angehörigen in den Städten und schicken ihre Kinder zu ihnen. Sie realisieren nicht, wie ihre Brüder und Schwestern in der Stadt selber um ihr tägliches Brot kämpfen. In den besten Fällen können Angehörige den Kindern eine Unterkunft bieten, aber sonst sind sie ganz auf sich alleine gestellt.

3.5 Zugkraft

Sobald einige Kinder eines Dorfes in die Städte geflohen sind, ziehen ihnen oft mehr und mehr nach. Die neuen "Stadtkinder" kommen zu Besuch in ihrem ursprünglichen Zuhause und erzählen den zurückgebliebenen Geschichten, dass sie nun besser leben. So schliessen sich ihnen andere an in der Hoffnung auf ein besseres Leben und eine gesicherte Zukunft. Die Jugendlichen sprechen kaum über die Schwierigkeiten, die sie in der Stadt antreffen und denen sie sich jeden Tag neu stellen müssen.

3.6 Heirat

Viele Mädchen fliehen aus dem Norden Ghanas in den Süden. Sobald sie mit 15, 16, 17 Jahren heiratsreif sind wird von ihnen erwartet, dass sie gewisse Heiratsmitbringsel haben, wie zum Beispiel Töpfe, Pfannen, Gefässe, traditionelle Kleider und Geld. Ein Mädchen, das nicht davon hat, bringt grosse Schande und jeder und jede wird sie auslachen. So flieht es in eine Stadt und wird versuchen Geld zu verdienen und sich all diese Dinge zu kaufen. Doch meistens gelingt es nicht, denn ihre Verdienste sind zu klein.

3.7 Andere wie Ethnische Gewalt, Ländliche Unterentwicklung, Abenteuer

In den vergangenen Jahren gab es viele Streitigkeiten und Kämpfe zwischen verschiedenen Stämmen betreffend Landbesitz und deren Rechte. Dies führte ebenfalls dazu, dass viele Jugendliche flohen.

Es ist eine Tatsache, dass die ländlichen Gegenden eine schlechte Schulbildung, wenig Möglichkeiten und Arbeitsplätze haben. Viele Kinder sagen, dass sie nach Kumasi oder Accra gehen wollten, dort sei es besser.

Kinder sind auf der ganzen Welt dieselben. Sie lechzen nach Abenteuer und neuen Erfahrungen. Das gehört zu ihrem Leben. Landkinder in Ghana haben nur einen Weg, den einseitigen Ansichten und Regeln der Eltern zu entkommen: sie gehen so weit wie möglich weg von ihnen und tauchen in den Städten unter.

4 Rückkehr

Einige der Kinder und Jugendlichen kehren eines Tages mit etwas Geld und einigen neuen Sachen ins Dorf zurück. Damit beweisen sie den Zurückgebliebenen, wie gut sie es in der Stadt hatten. Zum Beispiel erstehen sie sich bei ihrer Abreise aus der Stadt ein paar Nike-Schuhe oder eine teures Kleidungsstück, was auf die Familie wirkt und den Eindruck hinterlässt, dass es ihm gut ergangen ist, was meistens eine grosse Lüge ist. Einige kehren aber auch mit einem Baby zurück, welches sie der Familie hinterlassen und wieder abreisen. Andere sehen ihre Angehörigen krank mit chronischen Kopfschmerzen, Asthma oder sexuell übertragenen Krankheiten.

Oft haben die Kinder ihre Dörfer sehr jung verlassen und lernten dadurch die Traditionen und Regeln ihres Stammes nicht wirklich kennen. Wenn sie dann zurückkehren, verletzen sie dieselben und werden dadurch zu Aussenseiterinnen. Ältere Menschen beten sogar drum, dass sie nicht mehr zurückkehren, weil sie nur schlechten Einfluss auf die anderen haben werden mit ihrer komischen Kleidung oder ihrer hässlichen Haartracht.

Diejenigen Kinder, die in den Städten nichts erreichen, bevorzugen es, in den Städten zu bleiben, um nicht die Schmach und Schande des Dorfes ertragen zu müssen. Zumindest, so denken sie, ist die Armut in den Städten kleiner und die Möglichkeiten grösser als in ihrem ursprünglichen Dorf. Jugendliche wollen oft überhaupt nicht mehr zurückkehren, weil man von ihnen erwartet, dass sie Geld nach Hause bringen werden.

NEWS

Jahresbericht 2009

Der Jahresbericht 2009 ist auf unserer Download-Seite erhältlich.


Fokus Mädchen

Das «Girls Group Home» in Jamestown konnte am 23. November 2009 eröffnet werden. Zurzeit leben fünf ehemalige Strassenmädchen in dieser begleiteten Wohngemeinschaft.


Bericht in 10vor10

Das Schweizer Fernsehen zeigte am 20. November 2009 in der Sendung 10vor10 einen Bericht über CFC. Bericht als Quicktime Film ansehen. Falls Quicktime auf Ihrem Computer nicht installiert ist, können sie es hier kostenlos laden.